Wie sich Gott das Miteinander von Mann und Frau vorstellt und welche Perspektiven uns die Bibel dazu gibt, ist ein viel diskutiertes Thema unter Christen und Christinnen. Dabei gibt es zwei theologische Perspektiven auf die Stellung von Mann und Frau. Die eine ist die egalitäre Sichtweise. Hier gelten Mann und Frau als gleichwertig und gleichberechtigt, ohne dass ihnen geschlechtsspezifische Rollen zugeschrieben werden. Dem gegenüber steht die komplementäre Sichtweise. Sie betrachtet Mann und Frau als gleichwertig, aber nicht als gleichberechtigt. Befürworter und Befürworterinnen glauben, dass ihnen unterschiedliche Eigenschaften und Rollen von Gott zugeteilt wurden, die sich im Miteinander ergänzen. Leider wurde das in manchen christlichen Kontexten dazu genutzt, um Frauen in ihren Rechten und Freiheiten einzuschränken. Darum finde ich es wichtig, dass wir uns als Frauen mit diesen beiden Sichtweisen auseinandersetzen und uns positionieren. Auf diese Weise werden wir sprachfähig und selbstständig in unserer Meinung.

 

Dort, wo ich aufgewachsen bin, wurde ich durch die komplementäre Sichtweise geprägt und vertrat darum diese Perspektive zu Beginn meines Theologiestudiums. Während meiner Studienzeit traten verschiedene Personen in mein Leben, durch die diese Sichtweise hinterfragt wurde. Ich beschäftige mich mehr mit dem Thema und tauschte mich mit Freundinnen dazu aus. Auch habe ich mir relevante Bibelstellen näher angesehen, da mir wichtig ist, dass meine Überzeugungen biblisch begründet sind.

Wie lässt sich das mit der Bibel begründen?

Eine zentrale Bibelstelle, die die Gleichberechtigung von Mann und Frau sichtbar macht, ist der Schöpfungsbericht in 1. Mose. Gott schuf Mann und Frau nach seinem Ebenbild (1. Mose 1,27). Keines der beiden Geschlechter entspricht Gott mehr, sondern in beiden ist Gottes Ebenbildlichkeit verankert. Gott hat jedem Menschen unwiderruflich dieselbe Würde und denselben Wert zugesprochen. Auch 1. Mose 1,28 ist dabei bedeutend: Gott gibt Mann und Frau den Auftrag, über die Erde und die Tiere zu herrschen. Das zeigt, dass Gott beiden Geschlechtern dieselbe Verantwortung und Berufung zugewiesen hat. Diese Bibelstelle bietet eine Grundlage für die egalitäre Sichtweise und hat in meiner Beschäftigung mit der Frage eine wichtige Rolle gespielt. 

Doch wie sieht es mit anderen Stellen aus? Vor allem 1. Mose 2,5-24 wird  als Grundlage für die komplementäre Argumentation genutzt. Weil Adam zuerst geschaffen wurde (1. Mose 2,21-23) und Eva als „Gehilfin“ (1. Mose 2,18) bezeichnet wird, wird dem Mann in manchen Gemeinden eine vorrangige Stellung zugeschrieben. Doch die nähere Betrachtung des hebräischen Wortes “ezer”, das Luther mit „Gehilfin“ übersetzt hat, hat mich vom Gegenteil überzeugt. Wenn wir andere Belege des Begriffs “ezer” in der Bibel anschauen, fällt auf, dass dieser gebraucht wird, wenn Gott von einer Hilfe spricht, die er selbst den Menschen zukommen lässt (Psalm 33,20; 89,19; 121,1-2; 146,5). Das bedeutet, dass dieses Wort keine Hierarchie beinhaltet. Wie die Stellung zwischen Mann und Frau aussieht, wird erst durch das nachfolgende Wort “kenegdo” in 1.Mose 2,18  näher definiert. Es zeigt an, dass die Hilfe, die Gott erschafft, dem Mann gleich ist. Treffender wäre es, diese Stelle mit “ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht”, zu übersetzen. Die Frau ist für den Mann ein Gegenüber auf Augenhöhe.  

In meiner Suche nach einer Antwort hat mir geholfen, mir Zeit für die Auseinandersetzung mit der Frage zu nehmen und unterschiedliche Sichtweisen zu betrachten. Deswegen möchte ich dich ermutigen, dich mit beiden Perspektiven auseinanderzusetzen, um gefestigt und sprachfähig in der eigenen Meinung zu werden. 

Zoe Busch